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Im Reich der Tiefe

Mit einem einzigen Atemzug 100 Meter tief zu tauchen, ist für die meisten Menschen eine beängstigende Vorstellung. Und auch der Wissenschaft gibt es Rätsel auf, wieso Freediver die tiefen Tauchgänge überleben. Wir haben mit Sara Campbell, der vierfachen Weltrekordlerin im Freediving gesprochen und etwas Licht ins Dunkel gebracht. Sie verriet dem neuen Achtsamkeitsmagazin moment by moment, dass Meditation für das Tieftauchen ein wichtiger Schlüssel ist.

Ein letzter tiefer Atemzug, dann klappt Saras Oberkörper nach vorne und sie taucht kopfüber in das Meer. Ihre Arme, zielgerade nach unten gestreckt, bewegt sie nicht. Nur die meerjungfräuliche Monoflosse an ihren Füßen pendelt wie ein Metronom hin und her und initiiert die Wellen, die ihren Körper rhythmisch von unten nach oben durchlaufen. Scheinbar mühelos gleitet sie Meter um Meter am Sicherungsseil in den Atlantik hinab. Ab einer Tiefe von 10 bis 15 Metern beginnt sie, der Erdanziehung zum Trotz anmutig und leicht durch den Ozean zu schweben. Dann beginnt sie, schneller zu sinken. Während sie allmählich in der totalen Finsternis des Ozeans verschwindet, steigt keine einzige Luftblase nach oben. Ganz offenkundig geschieht hier etwas, was mit dem vielzitierten gesunden Menschenverstand nicht so recht zu verstehen ist.

Nach drei Minuten und 34 Sekunden taucht die britische Freediverin wieder an der Wasseroberfläche auf. Nach kurzer Zeit steht das Ergebnis fest. 96 Meter tief ist sie getaucht und hat somit abermals einen Weltrekord-Titel im Apnoetauchen, wie die wissenschaftliche Bezeichnung für das Tauchen ohne Pressluftflasche heißt, geholt – und zwar in der Königsdisziplin „Konstantes Gewicht mit Flosse“.

Es sind bislang nur zwei Frauen 100 Meter tief getaucht!

Das war 2009 vor den Bahamas. Noch heute kann man auf Youtube ein Video ihres legendären Tauchgangs sehen. 2010 hatte Sara den Weltrekord-Titel an die Russin Natalia Molchanowa wieder abgeben müssen, nachdem ihre Freediving-Kollegin im ägyptischen Scharm al Scheich in 3 Minuten 50 Sekunden 101 Meter in die Tiefe getaucht war. Ein Jahr später gelang es Sara Campbell, bei einem Trainings-tauchgang sogar in eine Tiefe von 104 Meter hinabzusteigen. Somit sind Sara und Natalia die beiden einzigen Frauen, die jemals mehr als 100 Meter tief tauchten. Einen weiteren offiziellen Versuch, Natalias Rekord zu brechen, hat Sara Campbell seither nicht mehr unternommen. Vielleicht auch, weil die 44-jährige Russin Molchanowa 2015 vor der spanischen Insel Formentera von einem Trainings-tauchgang nicht mehr zurückkehrte. Der Ozean hatte die weltbeste Apnoetaucherin einfach verschluckt. Bis heute ist nicht geklärt, wie es dazu kommen konnte. Kritiker, die das Apnoetauchen für eine riskante und unberechenbare Sportart halten, fühlten sich bestätigt.

Freitauchen gibt der Wissenschaft Rätsel auf

Noch vor wenigen Jahren hielt auch die Wissenschaft es für unmöglich, dass Menschen in einer derartigen Tiefe überleben können. Forscher gingen davon aus, dass der Körper ab einer gewissen Tiefe einfach implodieren würde. Sara kennt die extremen Auswirkungen beim Apnoetauchen. „Alle zehn Meter verdoppelt sich der Druck. In einer Tiefe von 90 Metern habe ich statt 3,7 nur noch 0,3 Liter Atemluft, das ist weniger als ein Zehntel. Und der Pulsschlag verringert sich auf 20 bis 30 Schläge die Minute“, berichtet sie. Doch alle sieben Freediver-Disziplinen seien entgegen aller Vermutungen sehr sicher, sofern die Apnoetaucher die Sicherheitsregeln beachteten und sich professionell verhielten.

Beim Tauchen muss man sich dem Wasser voll anvertrauen

Freediving ist für Sara Campbell keine riskante, adrenalinsteigernde Sportart, sondern vielmehr eine spirituelle Erfahrung. „Wir können darauf vertrauen, dass es natürlich ist, in die Tiefe zu tauchen. Jeder Mensch verfügt über einen natürlichen Tauchreflex, den kann man aber nur aktivieren, wenn der Verstand zur Ruhe kommt und man stattdessen seine Intuition erhöht“, erläutert Sara. Erst dann könne man damit beginnen, den Verstand, der oft von inneren negativen Antreibern beeinflusst werde, zu transformieren. „Ich konnte nur deshalb 104 Meter tief tauchen, weil meine Seele meinen Verstand leitete und dieser wiederum meinen Körper dirigierte“, sagt die vierfache Weltrekordlerin.

In ihrer ägyptischen Wahlheimat Dahab, wo sie Anfänger und professionelle Sportler im Freediving unterrichtet, versucht sie, dieses intuitive Wissen an ihre Schüler weiterzugeben. Viele seien unglaublich ehrgeizig und begierig darauf, möglichst schnell die Technik zu erlernen. „Die meisten sind enttäuscht, wenn ich ihnen erkläre, dass Freediving weniger mit Technik zu tun. Es ist vielmehr eine Philosophie“. Eine der ersten Lektionen, die sie deshalb ihren Schülern erteilt, ist zu lernen, sich vom Wasser treiben zu lassen. Dazu müssen sie sich mit dem Rücken flach auf das Wasser legen und dürfen nur einen Finger auf eine Boje legen. „So erleben sie, dass der Ozean der Lehrer ist, der ihnen zeigt, wie man sich verhalten soll und sie sich ihm anvertrauen können. „Der Tauchgang ist vor allem dann beglückend, wenn man total loslassen kann und sich dem Augenblick komplett hingibt. Das ist purer Genuss“, schwärmt die 44-Jährige. Angst, Atemnot zu erleiden oder in Panik zu verfallen, kenne sie nicht. Ganz im Gegenteil. Den Atem unter Wasser lange anzuhalten, mache sie wirklich glücklich.

„Freediving ist Meditation unter Wasser“, schwärmt Sara Campbell

„Letztlich geht es beim Tauchen in großer Tiefe nicht um Erfolg und Leistung“, erklärt Sara. Sie sei nicht besonders interessiert am Wettbewerb. Was sie in die Tiefe des Ozeans zieht, sei vielmehr die Möglichkeit der spirituellen Erfahrung. Tieftauchen sei für sie nichts anderes als Meditation unter Wasser. Bevor Sara mit dem Freediving begann und nach nur neun Monaten Trainingszeit 2007 drei Weltrekord-Titel holte und 2007 erstmals die Weltmeisterschaft gewann, hatte die frühere PR-Beraterin viele Jahre lang intensiv Meditation und Yoga gelehrt. Eine ihrer Yoga-Schülerinnen, die auch Freediverin war, hatte beobachtet, dass Sara ihren Atem sehr lange anhalten konnte. Immer wieder bat sie ihre Yogalehrerin, sie beim Freediving zu begleiten und zu sichern. Schließlich willigte Sara ein und besuchte den Anfängerkurs im Freediving. Wider Erwarten fand Sara beim Freediving genau das, wonach sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatte: die spontane Verbundenheit mit dem Universum und Gott, wie sie sagt: „Das ist der Moment, an dem man sich wieder unschuldig und rein fühlt“.

Achtsamkeit ist beim Tauchen oberstes Gebot

Meditation ist ein sehr geeignetes Mittel, um die Intuition zu fördern und ganz bei sich selbst zu sein. Diese Fähigkeit sei gerade beim Tauchen lebenswichtig, denn dabei müsse man jeden einzelnen Moment voll bewusst erleben und fokussiert sein, so Sara. Jeder Tauchgang entfalte sich von Moment zu Moment. „Ich muss mich in jeder Sekunde voll auf den physischen Prozess konzentrieren, so schaffe ich die beste Voraussetzung für die nächste Sekunde. Jeder einzelne Moment kann über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Weder beim Ab- noch beim Auftauchen, darf ich deshalb in keinem Augenblick die Präsenz verlieren. Dabei werde ich jeden Moment mit mir selbst konfrontiert, denn ich kann die Verantwortung an niemanden delegieren. So gesehen, haben wir beim Tieftauchen die einzigartige Möglichkeit, uns selbst in aller Wahrhaftigkeit zu begegnen“.

Weitere Infos unter:

www.discoveryourdepths.com

www.yogaforfreediving.com

„Ich bin auch immer der andere“

Die Philosophin Ariadne von Schirach beschreibt in ihrem neuen Buch „Ich und Du und Müllers Kuh“ die emotionale Grundstruktur und kommunikativen Stil von sechs menschlichen Charakteren. Beim Lesen kann man  andere Menschen besser verstehen und kennenlernen. Und gelegentlich amüsiert über sich schnmunzeln.

Inge Behrens: Wie sind Sie auf den Titel „Ich und Du und Müllers Kuh“ verfallen?

von Schirach: Man kann das Buch als Nachdenken über verschiedene Beziehungen verstehen, also den Umgang mit sich, dem Anderen und der Welt. Diese drei Ebenen spiegeln sich auch in diesem alten Abzählreim. „Ich und Du und Müllers Kuh; Müllers Esel der bist Du“. Wir sind alle mal bei uns, mal ganz anders und immer mal wieder: Müllers Kuh oder Esel.

IB: An wen richtet sich Ihr Buch und was ist die Intention Ihres Buches?

von Schirach: Jeder Mensch ist eine Gesellschaft, sagt Sigmund Freud. In der Charakterkunde geht es deshalb nicht darum, sich und andere in Schubladen zu stecken, sondern darum, den vielen widersprüchlichen Impulsen und Stimmen in sich Raum und Gestalt zu geben. Und dadurch letztlich nicht nur sich, sondern auch seine Mitmenschen besser zu verstehen.

IB: Warum haben Sie als studierte Philosophin ein psychologisches Buch über die sechs Hauptcharaktere geschrieben?

Ariadne von Schirach: „Erkenne dich selbst“ stand über dem Orakel von Delphi und war das Credo von Sokrates. Wenn wir die Welt, unsere Gesellschaft und unsere Mitmenschen verstehen wollen, müssen wir bei uns selbst anfangen. Und dort finden wir immer das Gleiche. Widersprüche und Ambivalenzen, das vielstimmige Konzert unserer Lebendigkeit.

 IB: Sie schreiben, dass Sie diese Charaktertypen als Gestalten, gewissermaßen als Figuren sehen. Können Sie bestimmte Filmfiguren oder bekannten Personen ihren sechs Typen zuordnen?

von Schirach: Dieser Versuchung würde ich, was die realen Vorbilder angeht, gerne widerstehen, obwohl man mit Donald Trump gerade einen Vollblutnarzissten in action beobachten kann. Aber blicken wir mal ins Fiktionale: Der einsame Wolf beispielsweise in Gestalt von Batman ist eher schizoid, gnadenlose Bürokraten wie Stromberg tragen zwanghafte Züge. Bei Sherlock Holmes ist Watson ein Depressiver, während Holmes ein Schizoider ist. Man könnte allerdings darüber sprechen, ob dieser nicht auf schon narzisstische Weise das Bild des unfehlbaren Detektives bedient. Obwohl es verführerisch ist, seine Mitmenschen zuzuordnen, sollte man sich bewusst sein, dass nur der Blick nach innen zu echtem Verständnis und damit auch zu mehr Toleranz und einem liebevolleren Umgang führt. Man selbst ist eben auch so einer. In jedem Menschen sind alle Strukturen angelegt, deshalb können wir uns tatsächlich verstehen. Jeder hat schon mal die Kontrolle verloren, tiefe Unsicherheit gespürt oder ist schon einmal strahlender Mittelpunkt von irgendwas gewesen, wie es der Hysteriker so kindisch einfordert, und jeder stand schon mal traurig im Abseits, wo sich der Depressive verordnen würde.

IB: Hinter allen Charakterformen stecke Leid, schreiben Sie in Ihrem Buch. Diese Einsicht sei die Voraussetzung, um sich mit Menschen zu solidarisieren und sie überhaupt verstehen zu wollen. Müssen wir uns auch mit Menschen, die wir unsympathisch finden, solidarisieren?

von Schirach: Wir Menschen wachsen am Widerstand, und finden oft erst über dem Umweg des Anderen zu uns selbst. Zudem ist meist das, worauf man besonders allergisch ist, etwas, das man über sich selbst nicht wissen will. Eigener menschlicher Fortschritt zeigt sich ebenfalls meist als wachsende Toleranz „schwierigen“ Mitmenschen gegenüber. Wenn einen nichts mehr stört, ist man angekommen. Bis zur nächsten Krise (lacht).

IB: Wann hört denn Ihr Verständnis für Menschen auf?

von Schirach: „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd“. Auch dieser Satz beruht auf Selbsterkenntnis – nur wenn ich meine eigene Dunkelheit, also meine Gier, meine Eitelkeit, meine Bequemlichkeit und den ewigen Wunsch, etwas Besseres zu sein, anerkenne, verstehe ich den Anderen, anstatt ihn von oben herab zu beurteilen. Hier, in meiner eigenen Seele, werden auch die ersten und die wichtigsten Schlachten geschlagen, denn Verständnis bedeutet eben nicht Akzeptanz. Es gibt Dinge, die kann man verstehen, aber man darf sie nicht zulassen: weder bei sich noch bei Anderen.

„Verständnis bedeutet eben nicht Akzeptanz“

IB: Zu welchen der sechs Hauptcharaktere würden sie sich denn selber zählen?

von Schirach: Es ist mir wirklich gleichgültig, was andere von mir denken und doch will ich ihnen unbedingt gefallen. Bei mir trifft also schizoide Eigenständigkeit auf hysterische Aufmerksamkeitswünsche. So kann man sich wirklich gründlich im Weg stehen – bis man mal genauer hinschaut. Nur wer seine eigenen, oft eben widersprüchlichen Bedürfnisse kennt und zulässt, kann sie leben. Für mich bedeutet das, dass ich den Schizoiden in mir die Bücher schreiben lasse, den Hysteriker immer mal wieder auf die Bühne ins Rampenlicht schicke und ich dem in meinem Leben lange eher vernachlässigten depressiven, Zeit gebe, um mich für dessen Tugenden zu öffnen: Vertrauen haben, geschehen lassen, lieben lernen.

IB: Und wie geht man am besten mit Ihnen um?

von Schirach: Behandle den anderen stets so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

INFO: Ariadne von Schirach studierte Philosophie in München und Berlin. Sie arbeitet als freie Journalistin und Kritikerin und wurde als Autorin der Sachbuch-Bestseller „Der Tanz um die Lust“ und „Du sollst nicht funktionieren“ bekannt.

 

Unterwegs mit ´nem Koffer voller Gedichte

Die Gedichte-Rezitatorin Anna-Magdalena Bössen radwanderte 8160 Kilometer weit durch ganz Deutschland. Überall dort, wo sie bei Privatleuten Unterkunft fand, rezitierte sie Gedichte. Lesen Sie den Bericht über ihre Erfahrungen und Entdeckungen auf ihrer langen Gedichtetournee mit dem Rad.

In jedem von uns steckt ein kleiner Vagabund. Doch die eigene Komfortzone zu verlassen und die bisherige Existenz an den Nagel zu hängen, traut sich kaum einer. Letztlich geht den meisten Sicherheit über alles.

Sehnsucht nach Gemeinschaft und Verbundenheit

Anna Magdalena Bössen jedoch, hat sich getraut. Sie radelte zwei Jahre lang durch ganz Deutschland, im Gepäck nur zwei Satteltaschen mit Funktionskleidung und einen gelben Koffer voller Gedichte. Mehr als 8100 Kilometer legte sie auf ihrem Drahtesel zurück und nächtigte hunderte Male bei fremden Familien. Und rezitierte überall dort, wo sie eingeladen wurde, ihre Gedichte. Der Bekanntenkreis ihrer Gastgeber bildete jeweils das Publikum für ihre Gedicht-Lesung. Ein Unternehmen, das trotz einer halbjährigen Planungs- und Vorbereitungszeit unwägbar und somit riskant blieb. So war sie oft nicht sicher, ob sich Gastgeber finden würden. Und häufig genug traten auch unvorhersehbare Ereignisse auf, sei es ein Hexenschuss auf der Strecke oder Unwetter, das die Weiterfahrt unmöglich machte.

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Die diplomierte Gedichte-Rezitatorin war vor ihrer Radtour an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie nicht mehr so recht wusste, wie es beruflich und privat in ihrem Leben weitergehen sollte. Acht Jahre lang hatte sie nach ihrem Studium an der staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart als Sprechcoach und Veranstalterin ihrer Firma „textouren“ in Hamburg gearbeitet. Ihre Literaturschauspiele bot sie in ungewöhnlicher Kulisse, beispielsweise im Hamburger Hafen dar und machte so Rezitation zum Erlebnis. Irgendwann sei sie auf die Idee gekommen, eine literarische Reise durch ganz Deutschland zu machen. Das Motiv für ihre Reise sei eine Mischung aus Fernweh und Neugier gewesen, erklärt sie im Vorwort zu ihrem  Buch „Deutschland, ein Wandermärchen“. „Außerdem sehnte ich mich nach Verbundenheit und einer größeren Gemeinschaft“, erinnert sie sich. Deshalb wollte sie herausfinden „Bin ich Deutschland? Und „Was bedeutet eigentlich Heimat für mich?“ Auf all diese Fragen erhoffte sie sich auf ihrer großen Reise Antworten zu finden. Dafür war sie bereit, eine Menge aufs Spiel zu setzen. Sie tauschte finanzielle Sicherheit ebenso wie ihre Privatsphäre und Selbstbestimmung gegen Unsicherheit, Abenteuer und Gottvertrauen.

Ein Leben voller Unsicherheit und Unwägbarkeiten
Zwei Jahre lang radelte sie von Ort zu Ort, scheute auch nicht davor zurück, eine Hallig in der Nordsee zu besuchen, schraubte sich an der Ostseeküste bis nach Flensburg hoch, und schlängelte sich von dort wieder gen Osten. Sie bezwang mit dem Rad so manchen Alpen-ausläufer. Ihre Radtouren seien alles andere als idyllisch gewesen, sagt Bössen auf ihrer Premiere im Hamburger Theatersalon „Zweite Heimat“. Oft sei sie durch das lange Unter-wegssein, aber auch die vielen Eindrücke nicht nur an ihre physischen, sondern auch an ihre psychischen Grenzen gekommen. Ab und zu auch wurden ihre Erwartungen enttäuscht. So
hatte sie sich vom Besuch eines Ortes am Bodensee, Momente der Erholung und Erfrischung erhofft. Stattdessen musste sie sich auf dem Weg zur Gastgeberin, die im Hochland wohnte, bei sengender Hitze acht Kilometer den Berg hinaufkämpfen, vorbei an Touristenschwärmen, fahrenden und parkenden Autokolonnen, die ihr den Blick auf den See verstellen. Von Natur-idylle keine Spur! Als ein Passant sie dann noch beschimpfte, habe sie ihr Rad ins Gras geschmissen und sei laut schluchzend auf einen Heuballen geklettert. Zum Glück holte die Gastgeberin die erschöpfte und demoralisierte Gedichtrezitatorin mit dem Auto ab.

Mit ihren Gastgebern habe sie nur gute Erfahrungen gemacht und noch heute sei sie erstaunt darüber, welch einen großen Vertrauensvorschuss sie ihr gewährt hätten, berichtet sie. „Das in mich gesetzte Vertrauen wollte ich keinesfalls enttäuschen. Schließlich war ich zu Gast und so ließ ich mich für 48 Stunden auf ihr fremdes Leben ein. Oft musste ich mich meine eigenen Bedürfnisse zurücknehmen und mich in Geduld üben“. Dafür bekam sie jedoch viel von ihren Gastgebern – oftmals Müttern von erwachsenen Kindern – zurück. „Sie erkannten auf den ersten Blick, wie es mir ging und was ich brauchte“, berichtet Bössen.

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Am zweiten Abend ihres Aufenthaltes trat sie meist mit ihrem Koffer-Programm auf. Bei ihren Auftritten, die in kuscheligen Wohnzimmern, in kargen Rathaussälen oder auch mal in unüber-sichtlichen Schiffsbäuchen stattfanden, gab es keine Bühne, keine Kulisse und nicht mal einen Scheinwerfer. Als einzige Requisiten dienten ihr ein Küchenstuhl und ihr ausrangierter gelber Koffer, den sie auf dem Dachboden gefunden hatte. In Zeiten, in denen digitale Medien ständige Ablenkung versprechen und die nächste Info immer nur einen Klick weit entfernt ist, erscheint es schon beinahe anmaßend, das Publikum nur mit einem reinen Gedichtvortrag in den Bann ziehen zu wollen. Dennoch ist ihr dies oft genug geglückt. Wer ihre weiche volle Altstimme einmal gehört hat, den wundert das nicht. Schillers dramatisches Gedicht „die Bürgschaft“ trägt sie ebenso gut wie Goethes bekannte Verse „Willkommen und Abschied“ vor. Sie kann aber auch anders, beherrscht nicht nur die Rezitation klassischer Balladen. Den „Vaga-bundenspruch“ von Mascha Kaléko oder das fast unaussprechliche Dada-Gedicht „Karawane“ von Hugo Ball trägt sie mit leichter heiterer Stimme im rasanten Tempo vor.

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Deutsche haben auch Humor
Auf ihren Reisen habe sie viel über „den Deutschen“ gelernt, nämlich dass dieser nicht nur die alt- und allseits bekannten Tugenden Disziplin, Genauigkeit und Pünktlichkeit, sondern viele weitere gute Eigenschaften wie Eigensinn, Gelassenheit und vor allem Humor besitzt! Als Beweis rezitiert sie auf der Bühne im Hamburger Theatersalon rasch hintereinander gleich mehrere kurze Gedichte, darunter Ernst Jandls „Sommerlied“ und Heinz Erhardts Gedicht
„der Berg“.

Der Weg habe sie viele Tränen gekostet, noch mehr Muskelkater und jede Menge schlaflose Nächte, konstatiert sie. Aber er habe ihr auch etwas Unbezahlbares geschenkt. „Heute habe ich mehr Vertrauen ins Menschsein, sowohl mehr Vertrauen in mich selber als auch in meine Mitmenschen, ich habe meine große Liebe und eine Heimat gefunden, die ich mit jedem Schritt meines Lebens in die Zukunft trage“.

Fotos: Michael Olbert

Die Philosophin Rebekka Reinhard im Gespräch

Bin ich schön?

Die Philosophin Rebekka Reinhard über das gängige Schönheitsideal, die Übermacht
der schönen Bilder und wie es gelingen kann, sich davon frei zu machen.
Und sie weiß, warum ein Museumsbesuch die beste Typberatung sein kann.

Inge Behrens: Frauen neigen dazu, ihr Aussehen auch gegen ihre innere Überzeugung mit den Photoshop-bearbeiteten Bildern junger Models und Schauspielerinnen zu vergleichen. Viele Frauen empfinden sich deshalb als hässlich. Wie können Frauen sich von dieser Übermacht der Bilder befreien?

Rebekka Reinhard: Wir sollten uns erst mal klar machen: Diese Bilder  transportieren keine wertneutrale Wirklichkeit, sondern basieren auf einer raffinierten Marketingstrategie, die uns dazu verführen soll, verstärkt in Kosmetika und Beauty-Behandlungen zu investieren. Die Schönheit einer Frau besteht nie nur in ihrem Äußeren, sondern in dem subtilen Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist. Wahre Schönheit ist nicht einfach die Summe irgendwelcher wohlproportionierter Einzelteile. Sie basiert entscheidend auf der Persönlichkeit ihrer Trägerin; sie zeigt sich in bestimmten Gesten oder Blicken einer realen Person, und nicht auf irgendwelchen Hochglanzfotos.

IB: Ein Körper oder ein Gesicht werden heute wie ein kostbarer  Besitz gehandelt. Wie sie schreiben, glauben viele Frauen an die Machbarkeit von Schönheit und betrachten sich damit selbst als ein verbesserungswürdiges Objekt. So manche Frau spricht ja nicht von ungefähr vom eigenen Marktwert. Wie wirken sich solche  Gedanken auf das Selbstwert-Gefühl aus?

Rebekka Reinhard: Eindeutig negativ! Heute gilt Schönheit nicht mehr als  Geschenk der Natur, sondern als Leistung. So nach dem Motto: Wer zeigt, was er  hat, zeigt, was er kann. Das ist fatal. Die übertriebene Beschäftigung mit dem eignen Körper führt ja nur dazu, dass man immer neue Makel entdeckt und immer unzufriedener mit sich wird. Man glaubt, man könne nur dann wirklich glücklich sein, wenn man perfekt wäre. Darüber vergisst man allerdings schnell: Ein glückliches, schönes Leben ist eine Frage der Einstellung, und nicht eineFrage  des Idealgewichts.

IB: Sie sagen; wer sich ständig im Spiegel betrachtet, erhält nur ein unvollständiges Bild seiner eigenen Person. Spiegel seien ziemlich blind. Sollten wir alle Spiegel verhängen oder aus den Umkleidekabinen verbannen?

„Ein glückliches, schönes Leben ist eine Frage der
Einstellung, und nicht eine Frage des Idealgewichts.“

Rebekka Reinhard: Eine Welt ohne Spiegel, das ist eine lustige Vorstellung! Das Problem mit Spiegeln ist, dass sie uns nur immer die Makel zeigen, womöglich einen Pickel auf der Nase; aber nie das, was wir sind: Menschen mit ganz besonderen unverwechselbaren inneren Qualitäten. Daher sind Spiegel auch nicht die besten Moderatgeber. Mein Tipp wäre, mal einen Gang durchs Museum zu wagen und sich von den großartigen Frauen der bildenden Kunst inspirieren zu lassen. Das ist eine wirklich lohnende ‚Typberatung‘!

IB: An welche Frauen der bildenden Kunst denken Sie denn da?

Rebekka Reinhard: ….die Rubensfrauen, Frauendarstellungen von Watteau oder Franz von Stuck –  grundsätzlich alle, die nicht in das Klumsche Beuteschema fallen…

IB: Was macht denn nun eine Frau schön?

Rebekka Reinhard: Ihr Innenleben, das im Laufe der Zeit immer mehr durch die  Oberfläche hindurchscheint. Für mich sind Eros und Charisma Schönheitssignale,  die erst bei reiferen Frauen so richtig zur Geltung kommen. Erst wenn man wirklich viel erlebt, geliebt und erlitten hat, wenn man sich selbst und die Wirren des Lebens so richtig kennengelernt hat, kommt diese spezielle weibliche Ausstrahlung zustande. Eine Frau wird nicht dadurch schön, dass sie ihre Falten in Schach hält – sie wird schön, indem sie Mut zum Leben beweist und auch mal ordentlich auf den Putz haut. 

IB: In Ihrem Buch hinterfragen Sie den derzeit geltenden Klummschen Schönheits-Begriff der westlichen Welt und erklären, dass Frauen, die sich ihrer Schönheit allzu sehr bewusst sind, eigentlich nicht schön sein können. Es fehle diesen Frauen die Nonchalance und die Selbstvergessenheit, um anmutig und graziös zu sein.

Rebekka Reinhard: Die leistungsorientierte, kalkulierte Schönheit hat immer etwas Starres, Verbissenes an sich. Sie ist mehr Rüstung als Zauber. Anmut dagegen entsteht aus Selbstvergessenheit. Das hat nichts mit mangelndem  Selbstwertgefühl zu tun – im Gegenteil. Nur eine wirklich selbstbewusste Frau hat die Größe, sich auch mal ab und zu selbst zu vergessen, indem sie sich mit  Dingen beschäftigt, die wesentlich interessanter sind als die Dellen auf ihren Oberschenkeln und die sie innerlich bereichern. Wie Lesen, Musikhören, Meditieren und andere kontemplative Tätigkeiten, die der Schönheit der Seele sehr zuträglich sind.

 

 

Warum Stress dick macht!

Auch wenn manche Menschen wenig essen, nehmen sie trotzdem zu. Die Biochemie des menschlichen Körpers gibt so manches Rätsel auf. Doch Wissenschaftler haben jetzt ein Geheimnis gelüftet: Zu viel Stress macht dick!

Gehören Sie auch zu den Frauen, die abnehmen wollen und denen das partout nicht gelingen will? Obwohl Sie Kalorien sparen und um Kohlenhydrate, wie sie in Nudeln oder Süßem enthalten sind, seit langem einen großen Bogen machen. Das kann ganz schön frustrierend sein und irgendwie verstehen Sie nicht so recht, was Ihr Körper da für ein komisches Spiel mit Ihnen treibt. Denn Sie glauben, dass abnehmen doch den Gesetzen der Physik folgen müsste. Verbrauchen wir mehr Energie, als wir zu uns nehmen, müssten wir automatisch Gewicht verlieren. Oder etwa nicht? Auch wenn die Abnehm-Theorie höchst plausibel klingt, der Mensch ist eben doch keine Maschine und seine Essensaufnahme und -verbrennung funktioniert nicht so simpel wie eine Heizungsanlage. Denn der menschliche Organismus wird von vielen verschiedenen biochemischen Mechanismen beeinflusst, von seinen Emotionen und Hormonen ebenso wie von seiner Darmflora und seiner Schilddrüse.

Die australische Biochemikerin Libby Weaver hat sich mit dem menschlichen Stoffwechsel beschäftigt und ist dabei einem sehr merkwürdigen Phänomen auf die Spur gekommen: Zu viel Stress kann die Pfunde an Hüften, Oberarmen und Bauch auch dann wachsen lassen, wenn man nicht Gummibärchen oder Schokolade wahllos in sich hineinstopft. Wie ist das möglich? (…)

 

 

Grüne Detoxwoche

Grüne Smoothies sind derzeit in aller Munde. Und das vollkommen zu recht. Die giftgrünen Drinks sind auch zum Entgiften, sprich Ausleiten schlechter Stoffe ideal.

In Kalifornien ist es längst zum beliebtesten Powergetränk der Schönen, Reichen und Körperbewussten avanciert: Grüne Smoothies. Sie lassen die Haut strahlen, die Augen leuchten und sind aufgrund der vielen Vitalstoffe extrem gesund. Auch Detox- und Fasten-Experten entdecken jetzt die Vorteile dieser grünen veganen Mahlzeit. „Ich rate immer dazu während des Fastens ausschließlich Nahrung in flüssiger Form zu sich zu nehmen“, erklärt Ökotrophologin Stephanie Mehring. Die flüssigen Mahlzeiten aus Obst und Gemüse enthalten viele Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe, Enzyme, Ballaststoffe, viele Mineralien wie Kalium und Spurenelemente. Die Ballaststoffe putzen den Darm schön sauber und transportieren Schlacken aus dem Bindegewebe ab, die sich in der Regel durch ungesundes und zu viel Essen bilden. Und natürlich gibt es Smoothie-Zutaten, die geradezu zum Detoxen gewachsen sind und unsere Ausscheidungsorgane auf ganz besondere Weise unterstützen. Allen voran ist hier das Chlorophyll zu nennen. Es bindet Giftstoffe und leitet diese aus und entlastet die Leber und Niere und sorgt für eine straffere Haut. Es wird übrigens erst durch die Zubereitung im Hochleistungsmixer aufgeschlossen. (…)